Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Englisch veröffentlicht.
Sovereignty Washing: 5 Warnsignale vor dem Vertragsabschluss
Sovereignty Washing verkauft Datenresidenz, Zertifizierungen oder EU-Töchter als Beweis für Datensouveränität. Erkennen Sie 5 Muster vor Vertragsabschluss.


Sovereignty Washing ist das digitale Äquivalent von Greenwashing. Es bezeichnet die Praxis, ein Angebot fälschlicherweise als souverän zu vermarkten, obwohl Datenresidenz, rechtliche Zuständigkeiten oder Sicherheitszertifizierungen dieses Versprechen nicht einlösen können.
Der Forscher Paul van Vulpen prägte den Begriff für Anbieter, die ihre Produkte als souverän darstellen, während die tatsächliche Kontrolle über Daten und Infrastruktur woanders liegt. Das Thema wurde im März 2026 von der akademischen Kritik in den EU-Politikdiskurs getragen. Damals warnten mehrere CEOs europäischer Cloud-Anbieter die EU-Kommission in einem Brief, dass künftige EU-Gesetze es Anbietern erlauben könnten, Souveränität zu beanspruchen, „ohne echten Schutz zu bieten“.
Die meisten Angebote auf dem Markt lassen sich fünf Mustern von Sovereignty Washing zuordnen. Jedes davon scheitert an einer konkreten Frage, die CIOs, CTOs und Einkäufer vor der nächsten Vertragsunterzeichnung stellen sollten.
Wichtige Erkenntnisse
Sovereignty Washing ersetzt echte rechtliche Unabhängigkeit durch Datenresidenz, Zertifikate oder EU-Tochtergesellschaften
Keiner dieser Faktoren garantiert einzeln oder kombiniert, dass eine ausländische Regierung keinen legalen Zugriff auf Daten erzwingen kann. Die Lücke zwischen Marketingversprechen und rechtlicher Realität ist real, meist gewollt und beeinträchtigt Ihre Compliance-Position – unabhängig von Ihrer Risikobewertung.
Fünf typische Muster prägen das Sovereignty Washing in der Praxis
Residenz-, Zertifizierungs-, Tochtergesellschafts-, KI- und Lieferketten-Washing nutzen unterschiedliche Fehlannahmen von Einkäufern aus. Wer diese Muster kennt, kann sie im Beschaffungsprozess gezielt entlarven.
Eine EU-Tochtergesellschaft eines US-Unternehmens bietet keine rechtliche Trennung von der Muttergesellschaft.
Gerichte orientieren sich an den Eigentumsverhältnissen, nicht am Unternehmenssitz. Der CLOUD Act greift über das US-Mutterunternehmen direkt auf die Tochtergesellschaft zu.
KI-Inferenz öffnet eine neue Flanke für Sovereignty Washing, die viele Governance-Frameworks noch ignorieren
Eine Plattform kann Daten in Europa speichern, aber über eine KI-Inferenz verarbeiten, die US-Recht unterliegt. Die Daten bewegen sich nicht, das gelernte Wissen der KI dagegen schon.
Wie sich Sovereignty Washing in Unternehmensangeboten zeigt
Residenz-Washing
Ein Anbieter garantiert, dass Daten in EU-Rechenzentren bleiben, und verkauft dies als Souveränität. „In der EU gehostet“ und „EU-Souverän“ klingen ähnlich, beantworten aber völlig unterschiedliche Fragen. Die Datenresidenz klärt, wo Daten physisch liegen. Souveränität geht tiefer und regelt, welche Regierung rechtlichen Zugriff auf Ihre Daten verlangen kann.
Das US-Recht orientiert sich an der Unternehmensstruktur, nicht an der Geografie. Der CLOUD Act gilt für jedes in den USA registrierte Unternehmen, unabhängig vom Speicherort der Daten. Ist der Datenverarbeiter eine US-Einheit, können US-Behörden Zugriff verlangen. Ein Serverraum in Frankfurt ändert daran nichts.
Die European Sovereign Cloud von Amazon verdeutlicht dies. Amazon lehnt eine rechtliche Trennung vom US-Mutterkonzern explizit ab. US-Behörden können Amazon weiterhin zur Herausgabe von Daten aus EU-Rechenzentren zwingen, da die Rechtslage vom Hauptsitz des Konzerns abhängt, nicht vom Standort der Server.
Zertifizierungs-Washing
ISO-27001-Zertifizierungen und DSGVO-Konformität werden oft als Beleg für Souveränität angeführt. Beide sind wichtig: ISO 27001 belegt sicheres Sicherheitsmanagement, die DSGVO regelt den ordnungsgemäßen Umgang mit Daten in der EU. Keines von beiden sagt jedoch aus, welche Regierung legalen Datenzugriff fordern darf. Ein US-Anbieter kann beide Standards erfüllen und dennoch vollständig dem CLOUD Act unterliegen.
Tochtergesellschafts-Washing
Viele Hyperscaler gründen separate EU-Gesellschaften für europäische Cloud-Dienste und vermarkten dies als Lösung des Zuständigkeitsproblems. Ziel ist eine rechtliche Barriere zwischen US-Mutter und EU-Tochter, um US-Zugriffe zu blockieren.
Im Juni 2025 sagte der Direktor für öffentliche und rechtliche Angelegenheiten von Microsoft Frankreich unter Eid aus, er könne nicht garantieren, dass französische Daten nicht von US-Behörden beschlagnahmt werden – selbst bei Microsofts souveränem EU-Cloud-Angebot.
Der Grund ist strukturell: Gerichte prüfen, ob die US-Muttergesellschaft die Kontrolle besitzt. Das ist durch die Eigentümerschaft der Fall, unabhängig von der Struktur der EU-Tochter. Die EU-Gesellschaft existiert nur auf dem Papier, das rechtliche Risiko bleibt real.
KI-Washing
Das neueste und am wenigsten diskutierte Muster betrifft die angebliche Konformität mit dem EU AI Act. Die Einhaltung von Transparenzregeln und Risikoklassen wird als Beleg für KI-Datensouveränität verkauft. Das ist falsch. Ein Anbieter kann vollkommen konform mit dem AI Act sein, während die Inferenz auf US-Infrastruktur läuft und sensible Betriebsdaten US-Recht unterliegen.
Ein konkretes Beispiel ist Rovo von Atlassian. Es lässt sich in den Cloud-Tarifen nicht vollständig deaktivieren, und die KI-Funktionen laufen über die US-Unternehmensstruktur von Atlassian.
Lieferketten-Washing
Das am häufigsten übersehene Muster ist das Lieferketten-Washing. Ein europäischer SaaS-Anbieter mit Sitz in Europa wirbt mit Souveränität auf Anwendungsebene, nutzt im Hintergrund aber AWS, Azure oder GCP. Die Souveränität gilt nur für die eigene Software-Schicht. Die Daten fließen dennoch über US-Infrastruktur, die dem CLOUD Act unterliegt. Die Souveränität der Anwendung vererbt sich nicht nach unten.
Der Bezahldienst Wero zeigt dies in großem Stil. Wero wird von führenden europäischen Banken (u. a. Deutsche Bank, ING, Sparkassen) betrieben und als „starke und unabhängige europäische Lösung für mobiles Bezahlen“ gegen US-Anbieter positioniert. Im Jahr 2026 wurde jedoch bestätigt, dass Wero für Infrastruktur und Software-Dienste auf AWS setzt.
Die Relevanz erreichte im April 2026 auch institutionelle Ebenen. Die EU-Kommission wählte vier Anbieter für ein souveränes Cloud-Projekt im Wert von 180 Millionen Euro aus – darunter S3NS, ein Joint Venture von Thales und Google Cloud. Francisco Mingorance, Generalsekretär der CISPE, nannte dies „ein Eigentor, das Sovereignty Washing auf höchster Ebene institutionalisiert“. S3NS basiert auf Google-Technologie. Google unterliegt als US-Unternehmen dem CLOUD Act, Partnerschaft mit Thales hin oder her. Selbst Behörden, die Souveränität prüfen sollen, treffen Fehlentscheidungen.
Warum KI das Risiko erhöht
Governance-Modelle für Datenspeicherung enden meist beim Speicherort. Die Inferenz-Schicht und das, was KI aus den Daten ableitet, bleiben oft unberücksichtigt.
Eine Kollaborationsplattform kann Tickets und Dokumente zwar in Europa speichern. Sobald eine KI diese Daten zusammenfasst oder analysiert, läuft die Inferenz aber womöglich unter anderer Rechtsprechung. Die Rohdaten bleiben in Europa, das von der KI gelernte Wissen jedoch nicht.
Ein berechtigter Einwand
Das stärkste Gegenargument verdient eine ehrliche Betrachtung: Der CLOUD Act sei nur ein Instrument für strafrechtliche Ermittlungen. Die Sorge um Souveränität sei übertrieben, da nur extrem wenige Anfragen zur Offenlegung von Inhalten führen.
Das ist ein fairer Punkt. Das Risiko ist im Alltag gering, und für viele Unternehmen ist der CLOUD Act nicht die größte Bedrohung. Regulierte Unternehmen dürfen Risiken so aber nicht bewerten. Ein Finanzinstitut unter DORA oder eine Behörde unter NIS2 fragt nicht nach der Wahrscheinlichkeit, sondern ob ein Zugriff rechtlich möglich ist. „Geringe Wahrscheinlichkeit“ und „Sicherer Ausschluss“ sind zwei verschiedene Dinge. Nur Letzteres stellt Regulatoren zufrieden. Standards wie C3A des BSI oder das geplante CADA-Gesetz der EU sollen diese Lücke schließen und Souveränität von einer Schätzung zu einer Pflichtaufgabe machen.
Wie man Souveränitätsversprechen prüft
Viele Versprechen reduzieren sich auf eine Frage: Wo liegen die Daten physisch? Das ist nur eine Ebene und für Anbieter am einfachsten zu lösen. Echte Souveränität muss jedoch vier Ebenen abdecken:
Datensouveränität: Kontrollieren Sie den Speicherort, den Zugriff sowie den Export und das Löschen der Daten?
Technische Souveränität: Können Sie das System anpassen, erweitern oder wechseln, ohne alles neu aufzubauen?
Operative Souveränität: Können Sie das System unabhängig vom Anbieter betreiben und wiederherstellen?
Rechtliche Souveränität: Welche Gesetze können den Zugriff auf Ihre Daten erzwingen, unabhängig vom Hostingort?
Kann ein Anbieter nur die erste Frage beantworten, reicht das nicht aus. Fordern Sie vor Vertragsabschluss Belege für alle vier Ebenen.
Wie sovara sich positioniert
Eine Plattform, die diese vier Fragen besteht, benötigt eine entsprechende Architektur. So beantwortet sovara, die souveräne Jira- und Confluence-Alternative von rready, diese Anforderungen:
Unternehmensstruktur: Die rready AG hat ihren Sitz in Zürich (Schweiz), eingetragen im Schweizer Handelsregister, ohne jegliche US-Beteiligung in der Eigentümerstruktur. Damit fällt rready weder unter den CLOUD Act noch unter FISA Section 702. Beide Gesetze gelten nur für Unternehmen mit Sitz in den USA.
Datentransfer Schweiz-EU: Für DSGVO-regulierte Organisationen entsteht durch den Schweizer Sitz kein Compliance-Nachteil. Der Angemessenheitsbeschluss der EU-Kommission (Art. 45 DSGVO) stellt Datenübermittlungen in die Schweiz rechtlich mit EU-internen Transfers gleich. Standardvertragsklauseln sind nicht erforderlich. Die entscheidenden Fragen der Souveränität hängen am Hauptsitz des Anbieters, nicht an der EU-Außengrenze.
Lieferkette: sovara läuft auf EU- und Schweizer Infrastruktur nach ISO/IEC 27001:2022. Die vollständige Transparenz über Hosting-Partner und deren Souveränitätsnachweise ist im Sovereignty Trust Center von rready dokumentiert.
KI-Governance: Kunden nutzen eigene KI-Endpunkte, gehostete europäische LLMs oder hosten diese selbst. Das wird in der Konfiguration festgelegt, nicht individuell verhandelt. Die Deaktivierung aller KI-Features ist in allen Tarifen möglich. Inferenzen laufen standardmäßig nicht über Drittanbieter-Modelle unter Kontrolle von rready. Für regulierte Bereiche bleibt die KI-Rechtsprechung damit eine Entscheidung des Kunden, kein Standard des Anbieters.
Verschlüsselung und operative Kontrolle: Die ISO/IEC 27001:2022-Zertifizierung umfasst ein jährliches Audit des Informationssicherheits-Managementsystems von rready. Produkt- und Sicherheitsentscheidungen werden direkt in Zürich getroffen.
Exit-Szenarien: Jeder Workspace kann jederzeit vollständig via REST-API oder CLI in offenen Formaten (Markdown und JSON) exportiert werden – ohne proprietären Vendor-Lock-in. Der Quellcode ist bei einem unabhängigen Dritten (Escrow) hinterlegt. Der Zugriff darauf hängt somit nicht vom Fortbestand oder der Kooperationsbereitschaft von rready ab. Das ist die einzig echte Antwort auf die Exit-Frage: entscheidend ist nicht, wie leicht Daten hineinkommen, sondern wie man Daten und Code wieder herausbekommt.
Fazit
Sovereignty Washing funktioniert, weil es plausible Antworten auf ungenaue Fragen liefert. Die fünf Muster – Residenz, Zertifizierung, Tochtergesellschaft, KI und Lieferkette – nutzen Lücken im Verständnis von Souveränität aus. Sie lassen sich vor Vertragsabschluss identifizieren, wenn man die richtigen Fragen stellt.
Ein glaubwürdiges Souveränitätsversprechen basiert auf Fakten zu Struktur, Lieferkette, Verschlüsselung, operativer Kontrolle und Exit-Optionen. Wer diese liefern kann, braucht keine Marketing-Labels. Wer es nicht kann, verrät damit bereits alles Nötige.
FAQs
Was ist Sovereignty Washing?
Sovereignty Washing bezeichnet das Marketing von Datenresidenz, Zertifikaten oder EU-Tochtergesellschaften als Beleg für digitale Souveränität, obwohl diese keinen Schutz vor dem rechtlichen Datenzugriff ausländischer Regierungen bieten. Der Begriff floss im März 2026 offiziell in den EU-Politikdiskurs ein, als europäische Cloud-CEOs ihn in einem Brief an die EU-Kommission zum Cloud and AI Development Act verwendeten.
Ist DSGVO-Konformität gleichbedeutend mit Datensouveränität?
Nein. Die DSGVO regelt den Schutz und die Erhebung von Daten. Sie regelt nicht, welche ausländischen Regierungen Zugriff verlangen können. Ein US-Unternehmen kann DSGVO-konform sein und dennoch dem CLOUD Act unterliegen, der US-Behörden Zugriff auf Daten von US-Firmen gewährt, völlig unabhängig vom Speicherort.
Kann eine EU-Tochter eines US-Unternehmens truly sovereign sein?
Nach aktueller Rechtslage nicht. Anton Carniaux, Direktor für öffentliche Angelegenheiten bei Microsoft Frankreich, bestätigte im Juni 2025 unter Eid, er könne nicht garantieren, dass französische Daten nicht von US-Behörden beschlagnahmt werden – selbst unter Microsofts EU-Sovereign-Cloud. Der CLOUD Act knüpft an die Kontrolle der US-Muttergesellschaft an, nicht an den Sitz der EU-Tochter.
Ist die Schweiz bezüglich Datensouveränität mit der EU gleichzusetzen?
Nicht exakt, aber für die Praxis europäischer Unternehmen führt der Schweizer Sitz zum gleichen Ergebnis. Die EU-Kommission bescheinigt der Schweiz ein angemessenes Datenschutzniveau (Art. 45 DSGVO). Transfers aus der EU in die Schweiz sind rechtlich wie interne Transfers gestellt. CLOUD Act und FISA 702 betreffen Schweizer Unternehmen ohne US-Präsenz zudem nicht, da sie an den US-Hauptsitz anknüpfen. Für Finanzinstitute unter DORA zählen zudem operative Resilienz und Verträge, nicht die Frage EU vs. Schweiz.
Gibt es KI-Sovereignty-Washing bei Kollaborations-Tools?
Ja, und es ist eine der am meisten unterschätzten Gefahren. Eine Plattform kann Daten in Europa speichern, die Inferenz aber über US-Modelle ausführen, womit sensible Betriebsdaten unter US-Recht verarbeitet werden. DSGVO und EU AI Act regeln hier andere Fragen. Der eigentliche Test ist, wo die Inferenz läuft, ob sich KI-Funktionen abschalten lassen oder eigene Modelle genutzt werden können. Bieten Tools nicht kontrollierbare KI-Features, endet das Souveränitätsversprechen beim Speicherort.
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